Kohlekraftwerk Moorburg

Tagged:  •    •  

12.07.07

Kohlekraftwerk Moorburg unnütz und schädlich

Das geplante, gigantische Kohlekraftwerk Hamburg-Moorburg ist versorgungstechnisch nicht nötig und umweltpolitisch eine Katastrophe.

Richtig ist es durchaus, alte Kraftwerke durch neue mit besserem Wirkungsgrad und besserer Rauchgasreinigung abzulösen. Insofern besteht tatsächlich ein Neubaubedarf in Hamburg. Aber die geplante Anlage nützt der Bevölkerung nichts und wirft riesige Probleme auf.

Inhalt:
1. Klimakiller Kohlendioxid
2. Kühlwasserbedarf aus der Elbe
3. Energieverschwendung ohne Kraft-Wärme-Kopplung
4. Sinnvolle Alternativen zu Vattenfalls Planungen
5. Erdgas contra Kohle
6. Warum will Vattenfall unbedingt eine Überkapazität aufbauen?
7. Zum Genehmigungsrecht

1. Klimakiller Kohlendioxid

Wenn das Kohlekraftwerk Moorburg so, wie von Vattenfall geplant, gebaut und betrieben wird, stößt es so viel Kohlendioxid (CO2) aus, dass man die Bundesländer von Schleswig-Holstein bis zum Saarland einen Meter hoch damit bedecken könnte. Das Kraftwerk soll größere Kapazität bekommen als die Atomkraftwerke Krümmel oder Brokdorf. 90 Milliarden kg Kohle sollen verfeuert werden, 230 Milliarden kg Sauerstoff würden dazu der Luft entrissen und 320 Milliarden kg CO2 würden entstehen. Für jeden Klimaschutz wäre das ein extremer Rückschlag.

Das CO2 muss zwangsläufig in die Luft entlassen werden, denn es wird auf keinen Fall eine Technik geben, die diese gigantische Menge CO2-Gas irgendwo unterbringen kann. Wer etwas anderes behauptet, betreibt Augenwischerei. (siehe weiter: „CO2-Abscheidung für Moorburg?" vom 06.07.07)

2. Kühlwasserbedarf aus der Elbe

Zum Vergleich: Das Kraftwerk Moorburg braucht so viel Kühlwasser, dass es damit in nur zwei Stunden die gesamte Außen- und Binnenalster leersaugen würde. Die Elbe führt im Durchschnitt etwa 800 m3 Wasser pro Sekunde an Hamburg vorbei. Davon brauchte das Kraftwerk „nur" 65 m3. Aber erstens fließt von den 800 m3 der größere Teil durch die Norderelbe, und nur der kleinere Teil kommt an Moorburg vorbei, zweitens ist die Fließgeschwindigkeit um die Elbinseln wegen Ebbe und Flut alles andere als konstant und drittens sagt die Durchschnittsmenge in der Elbe noch gar nichts. An Spitzentagen fließen weit mehr als 3000 m3 durch die Elbe, an zwei Dritteln aller Tage aber weniger als 500 m3. Manchmal fließen in warmen Sommern mehrere Monate lang nur ca. 200 m3 pro Sekunde durch die Elbe. An solchen Tagen brauchte das Kraftwerk also theoretisch das gesamte Wasser, das in der Süderelbe fließt. (Natürlich tritt der Fall so nicht ein, weil das Werk in solchen Fällen mangels Kühlwassers abgeschaltet werden muss.) In Summa bleibt festzuhalten: Das Kraftwerk braucht immer einen wesentlichen Teil des Süderelbwassers für seine Kühlung.

Kühlen bedeutet immer, dass das Kühlwasser aufgewärmt wird, hier bis zu 10 Grad mehr. Wärmeres Wasser kann aus physikalischen Gründen nicht so viel Sauerstoff halten wie kälteres, was ganz erhebliche Folgen für alle Lebewesen im Fluss hat, der an einer einzigen Stelle so drastisch aufgewärmt wird.

3. Energieverschwendung ohne Kraft-Wärme-Kopplung

Das anvisierte Kraftwerk hat einen Wirkungsgrad von 46 Prozent. Das bedeutet prinzipiell: wenn die geplanten 1,6 Millionen Kilowatt elektrische Leistung erzeugt werden, gehen gleichzeitig 1,9 Millionen Kilowatt Wärmeleistung in die Umwelt, hauptsächlich über Kühlwasser in die Elbe. Mehr als die Hälfte der Energie aus der Kohle wird also nutzlos verschwendet - schlimmer noch: in die Umwelt entlassen.

Es gibt Kraftwerke, die die Energie etwas besser ausnutzen, aber aus physikalischen Gründen ist viel mehr als die Hälfte nicht drin. Es gibt nur eine Möglichkeit, die Energieverschwendung in den Griff zu bekommen: Man muss die sowieso entstehende Wärme dafür nutzen, Häuser zu heizen und Warmwasser herzustellen. Das nennt man Kraft-Wärme-Kopplung. Da die Häuser dann keine Heizungsanlagen mehr brauchen, spart man zwar nicht im Kraftwerk, wohl aber bei den Hausheizungen Energie und Umweltbelastung (CO2). Kraftwerke mit derartiger Wärme-Nutzung nennt man Heizkraftwerke.

Hamburg ist seit über 100 Jahren ein Pionier in Sachen Kraft-Wärme-Kopplung. Die Innenstadt ist rauchfrei (um die Binnenalster gibt es keine Schornsteine), und auch Großsiedlungen wie z.B. Steilshoop werden auf diese Weise beheizt. Aber die Kraft-Wärme-Kopplung wird in Hamburg nicht weiter ausgebaut, weil Vattenfall an dem Strom- und Eon an dem Gasverkauf lieber einzeln verdienen wollen. Das hat eine gewaltige Energieverschwendung zur Folge.

Vattenfall plant tatsächlich, in Moorburg auch Heizwärme auszukoppeln, aber mit nur 0,45 Millionen Kilowatt vergleichsweise wenig.

Wer Umwelt und Klima im Auge hat, muss konsequent fordern, dass keine Stromerzeugung stattfindet, wenn nicht auch die Wärme genutzt wird. Das allein bringt uns weiter.

4. Sinnvolle Alternativen zu Vattenfalls Planungen

Die geplante Größe des Kraftwerks Moorburg ist das eigentliche Problem. Die anfallende Wärmemenge an einer Stelle zu nutzen, ist völlig unmöglich, und ein variables Reagieren auf künftigen Strombedarf auch, wenn dieser Gigant erst einmal gebaut ist. Sinnvoll wäre es, erst einmal an der Stelle Moorburg ein kleineres Kraftwerk zu bauen, dass Strom und Wärme aus dem veralteten Kraftwerk Wedel gerade ersetzt. Wenn das Moorburger Kraftwerk dann fertig ist, kann man in Wedel mit dem Bau eines zweiten gleicher Größe beginnen. Die Rohrleitungen für die Wärme aus Wedel in die Innenstadt könnten weiter genutzt werden. Die Kühlungsmöglichkeiten sind in Wedel ungleich besser als in Moorburg.

Gleichzeitig müssten alle Heizwerke in Hamburg, also große Heizfabriken, die Stadtteile (z.B. Mümmelmannsberg und viele andere) mit Fernwärme versorgen, Zug um Zug umgestellt werden auf Stromproduktion. Die Abwärme würde weiterhin die Siedlungen heizen, aber man hätte gleichzeitig Strom und müsste nicht bei Stromproduktion an anderer Stelle die Abwärme wegwerfen. So wird Hamburg zur Klimahauptstadt, Herr Bürgermeister!

Drittens müsste eine gezielte Senatspolitik dafür sorgen, dass überall in der Stadt Blockheizkraftwerke installiert werden, wo gerade Heizumstellungen anstehen. Diese Werke werden heute schon rentabel in Hamburg privat gebaut und betrieben. Zuschüsse sind weiter nicht nötig. Der Staat könnte aber regulierend helfen. (Sinnvoll wäre es durchaus, wenn der Hamburger Senat das Stromnetz der Stadt von Vattenfall zurückkaufen würde. Das Recht dazu hat er, und das macht vieles einfacher.)

Der Strombedarf, der nach all diesen Maßnahmen und der planmäßigen Abschaltung der Atomkraftwerke - z.B. im Sommer - noch nötig wäre, könnte in verschiedenen kleineren Erdgas-Kraftwerken mit vorgeschalteter Gasturbine bei einem deutlich höheren Wirkungsgrad erzeugt werden. Dafür gibt es in der Stadt genügend Standorte (z.B. dort, wo jetzt noch das geschlossene Heim Feuerbergstraße steht . . .)

Eine solche Gesamtkonzeption sichert die Stromversorgung flexibel nach den sich möglicherweise ändernden Bedarfen und reduziert die Energieverschwendung und den CO2-Ausstoß radikal.

5. Erdgas contra Kohle

Kohle ist in der Erde weit mehr vorhanden als Erdgas. Dennoch ist es sinnvoll, bei der Stromerzeugung jetzt auf Erdgas zu setzen:

Erdgas erzeugt bei gleicher Energieerzeugung weniger als die Hälfte, nämlich 45 Prozent, CO2 im Vergleich zu Kohle.

Es ist davon auszugehen, dass ganz Norddeutschland in Kürze kaum noch Wärme-Kraftwerke braucht, der Erdgas-Einsatz dafür also begrenzt ist.

In der Kraft-Wärme-Kopplung (siehe oben) wird Erdgas in der Hausheizung ersetzt und steht damit zur Verfügung.

Erdgas lässt sich leicht durch die Stadt transportieren, erreicht jeden Standort, macht keinen Lärm und keinen Dreck.

Die Rauchgas-Reinigung ist wesentlich einfacher als bei Kohle.

Mit Erdgas lassen sich die Motoren für die Blockheizkraftwerke betreiben, mit Kohle nicht.

Bei reiner Stromerzeugung ist der Wirkungsgrad eines Erdgas-Kraftwerkes höher als bei Kohle, die Energieverschwendung also geringer.

6. Warum will Vattenfall unbedingt eine Überkapazität aufbauen?

Die Manager von Vattenfall wissen natürlich ganz genau, dass ihr Riesenkraftwerk in Hamburg und Umgebung niemals gebraucht werden wird und dass so ein großes Umweltproblem entsteht. Aber sie haben handfeste Gründe, trotzdem diese Anlage zu bauen. Die überall zu beobachtende Kohle-Renaissance hat ihren Ursprung nicht im Abschalten der Atomkraftwerke, sondern im neuen Verschmutzungsrecht.

Die Luftverschmutzungsrechte sollen nach dem Willen der Regierung in Zukunft begrenzt und käuflich sein. Dazu wurde ermittelt, wie viel CO2 jeder Betrieb in Deutschland in die Umwelt entlässt. Diese Rechte wurden den Unternehmen dann geschenkt. Aber ab 2012 müssen alle Unternehmen neue Verschmutzungsrechte zu Marktpreisen kaufen. Bis dahin bekommen sie diese noch relativ billig vom Staat.

Mit anderen Worten: Wer es schafft, noch vorher ein möglichst großes und möglichst schmutziges Kraftwerk ans Netz zu bringen, bekommt noch eine große Menge Verschmutzungsrechte geschenkt. Das bringt einen so großen Vorteil gegenüber der Konkurrenz, dass es sich finanziell lohnt, ein Kraftwerk zu bauen, dessen Strom man nachher sogar exportieren muss, weil er hier nicht absetzbar ist. Hamburg wird somit zum CO2-Produzenten für weite Umgebung bis ins Ausland.

Für so ein großes Kraftwerk hat Vattenfall nur in Moorburg das entsprechende Grundstück zur Hand. Jede andere Planung würde viel zu lange dauern. Deshalb will Vattenfall in Moorburg bauen.

7. Zum Genehmigungsrecht

Grundsätzlich ist es nach unserem Recht so, dass jeder mit seinem Geld machen darf, was er will, wenn er sich an geltende Gesetze hält. Also darf Vattenfall ein unnötig großes Kraftwerk bauen. In diesem Fall ist es jedoch so, dass der von den Regierungen in den meisten Staaten der Welt gefundene Konsens zur Begrenzung von CO2, um die Klimakatastrophe zu begrenzen, noch nicht Eingang in die Gesetze gefunden hat.

Es kommt jetzt einfach darauf an, dass eine Regierung mutig genug ist, dem Treiben Einhalt zu gebieten und damit Ihrer Pflicht zur Daseinsvorsorge Genüge tut. Von der Bundeskanzlerin bis zum Schüler weiß heute jeder, dass wir uns eine Steigerung von CO2-Ausstoß nicht mehr leisten können. Eine politische Entscheidung muss her, die Genehmigung eines unsinnigen Riesenkraftwerks muss verweigert werden. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Europäische Gerichtshof in letzter Instanz sich zugunsten des Umweltschutzes entschieden hätte.

...............................................................................................................................

Hamburger Fachgruppe Energie – Klaus Gärtner, schlottermotz@t-online.de
(laienverständliche Darstellung energietechnischer Zusammenhänge)

Source: http://pressemitteilung.ws/node/111892

Average: 2 (1 vote)

About Admin

Real Name
Narres Open Web Solutions

Address

Marienau 29
53894 Mechernich
Tel: +49-(0)2443-984000 / -310810
Fax.: +49-(0)2443-310811

WebSite
http://www.narres.com/